01.11.2011 09:34

„Und woher kommst du?“

Soziale Choreografie „Knotunknot“ im Resart-Ihm stellte die Themen Immigration und Integration in den Mittelpunkt / Gelungenes Pilotprojekt von Forsythe Company, NH ProjektStadt und Stadt Raunheim

Frankfurt/Main / Raunheim.- An beiden Abenden des vergangenen Wochenendes war das Resart-Ihm im Raunheimer Gewerbegebiet gut gefüllt: Menschen verschiedener Generationen, unterschiedlichster Herkunft und ebensolchem kulturellen Hintergrund trafen sich in der ehemaligen Fabrikhalle zur sozialen Choreografie „Knotunknot“. Gemeinsam mit der renommierten Forsythe Company hatten die Stadtentwickler der NH ProjektStadt und die Kommune Raunheim zu diesem Event rund um die aktuellen Themenfelder Immigration und Integration geladen. Gründer und Namensgeber William Forsythe war allabendlich zugegen. Choreografin und Tänzerin Dana Caspersen übernahm die Moderation. Das jeweils über zweistündige künstlerische ‚Happening für jedermann‘ wurde zum individuellen Erfahrungsfeld für den einzelnen Teilnehmer. Es bildete aber auch eine Plattform für Meinungen, persönliche Resümees und einen Blick in die gemeinsame Zukunft der vielfältigen Bevölkerungsgruppen im Rhein-Main-Gebiet.

Bürgermeister Thomas Jühe eröffnete als Hausherr den Abend mit dem passenden Statement: „Gerade Raunheim ist geprägt von kultureller Vielfalt, denn Menschen aus rund 100 verschiedenen Nationen sind im Lauf der Jahrzehnte eingewandert und haben hier eine neue Heimat gefunden. Ein friedliches und erfolgreiches Zusammenleben dauerhaft zu gewährleisten, stellt eine tägliche Herausforderung für alle dar. Deshalb haben wir uns bereits in der Vergangenheit mit professionellen Partnern wie der NH Projektstadt mit sehr guten Ergebnissen dem Thema Soziale Stadt gewidmet. Für uns ist daher der heutige Abend eine konsequente Weiterentwicklung unserer Initiativen und der ideale Anlass, noch mehr voneinander zu erfahren und zu lernen. Mit dem Resart-Ihm- Gelände haben wir bewusst ein ehemaliges Fabrik-Areal gewählt, das in seiner Historie vor allem auch vom Leben und Arbeiten der Zuwanderer geprägt wurde.“

„Bewegung“ neu interpretiert
Im Mittelpunkt des ersten Teils der von Dana Caspersen, Forsythe Company, entwickelten sozialen Choreografie standen 19 von ihr gestellte Frage. Deren Beantwortung brachte – im wahrsten Sinne des Wortes – Bewegung in die Menge: Zu den verlesenen Fragen wurden an drei Monitoren jeweils unterschiedliche Antwortmöglichkeiten präsentiert. Jedem der Monitore war ein dreieckiges Feld zugeteilt. Je nach persönlicher Erfahrung oder Einstellung mussten die Besucher nun im dafür vorgesehen Feld Position beziehen. Die Veranstaltung kam so sprichwörtlich „ins Rotieren“, forcierte die Interaktion und regte die Kommunikation an.    

Teil zwei führte ins hintere Areal an vorbereitete Tische mit jeweils vier Stühlen. Dank am Eingang verteilter Nummernkarten trafen hier Gesprächspartner aufeinander, die sich nicht kannten. In dieser willkürlich gemischten Runde ging es nach persönlicher Vorstellung um die intensive Konversation mit Fremden, um das (Mit)Teilen persönlicher Erlebnisse und individuelle Standpunkte. Ebenfalls unter der Moderation von Dana Caspersen kam von Nr. 1 bis Nr. 4 reihum jeder am Tisch für jeweils einige Minuten zu Wort. Wie erfolgreich dieser Ansatz war, zeigte die Tatsache, dass auch nach dem offiziell ausgerufenen Ende an den Tischen noch rege weiter diskutiert wurde. Auch beim anschließenden Get together bei Getränken und Imbiss waren die angeregten, Nationalitäten übergreifenden Unterhaltungen ein deutliches Zeichen dafür, dass die soziale Choreografie ihr Zeile erreicht und viele positive Anstöße gegeben hatte.

Nicht hinter verschlossenen Türen
Das von Caspersen und Forsythe erstmalig im Januar 2011 im Rahmen der ‚Frankfurter Positionen‘ aufgeführte Stück war in enger Kooperation mit der NH Projektstadt, der Stadt Raunheim und Dana Caspersen weiter entwickelt worden. Wichtigster Gedanke dabei: ‚Knotunknot‘ sollte nicht weiter hinter verschlossenen Türen in Kulturtempeln stattfinden. Es sollte vielmehr in die Kommunen und Gewerbegebiete zu den Menschen gebracht werden. Denn genau dort müssen diese mit ihren unterschiedlichen kulturellen und sozialen Hintergründen das Zusammenleben täglich neu austarieren und meistern.

Nach dem gelungenem Auftakt resümierte Caspersen: „Es ist toll, dass es gemeinsam gelungen ist, ,Knotunknot’ in einem so faszinierenden Ambiente wie dem alten Fabrikgelände Resart-Ihm zu inszenieren. Wir sind sehr glücklich, mit der NH ProjektStadt und der Stadt Raunheim Partner gefunden zu haben, die vor Ort mit den unterschiedlichsten Gruppen vernetzt sind und mit einer derartigen Power die Weiterentwicklung und Umsetzung unterstützt haben.“

Positionen bestimmen und überdenken
Marion Schmitz-Stadtfeld, Leiterin des Fachbereichs Integrierte Stadt- und Gewerbeflächenentwicklung der NH Projektstadt hatte das Projekt mit initiiert. Sie erläutert die Beweggründe dieses unternehmerischen Engagements: „Als Projekt-und Stadtentwickler steht für uns der ganzheitliche Ansatz im Vordergrund: Integration, Immigration und Kultur fallen hier ebenso darunter wie Infrastruktur oder Bauprojekte. Mit dem Kunst-Event ‚Knotunknot’ wollen wir – wie der Name bereits vermuten lässt – Positionen ‚entwirren‘: Alle Teilnehmer sollen bewusst über den Tellerrand schauen, neue Sichtweisen entdecken, das Zusammenleben von Menschen in ihrer Stadt nachhaltig reflektieren und zwar genau so, wie es sich in der Realität abspielt. Nach dem Erfolg in Raunheim wollen wir als NH Projektstadt gemeinsam mit der Forsythe Company das Projekt auch an anderen Standorten umsetzen. Denn nach unseren Erfahrungen stellt sich vielerorts die Frage: Zu welchen Erfahrungen kommt es und welche Auswirkungen hat es, wenn man innerhalb dynamischer Systeme wie Gesellschaft, Stadtteil und Milieu lebt, die von Immigration beeinflusst sind?“

Ein mehr als positives Resümee zieht auch Kerstin Mohr, Fachbereichsleiterin für Soziales und Kultur der Stadt Raunheim: „Als wir von unserem langjährigen Kooperationspartner NH ProjektStadt gebeten wurden, uns bei ‚Knotunknot‘ zu beteiligen, haben wir sofort die Chance genutzt. Beim Thema Integration fühlen sich oftmals viele Menschen berufen, Gründe für das Gelingen oder vermeintliche Scheitern einer erfolgreichen Integration zu finden. Im Rahmen dieser Initiative hat das Publikum nun konkret erfahren, wo wir in Raunheim zurzeit beim Thema Integration im Verhältnis zueinander stehen. Denn schlussendlich ist es der Königsweg, die Menschen selbst ermitteln zu lassen, wenn es um ihre Gefühle und Empfindungen geht.“