Modellhafter Um- und Rückbau in Eschwege

18.06.2010 11:08

 

Mit einem in Hessen bisher einmaligen Beschluss reagiert die Unternehmensgruppe auf den demographischen Wandel.

Der demographische Wandel führt auch im Werra-Meißner-Kreis und der Kreisstadt Eschwege zu Veränderungen. Sinkende Einwohnerzahlen haben die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte / Wohnstadt, die in Eschwege fast 900 Wohnungen vermietet, deshalb zu einem ungewöhnlichen Schritt bewogen: Sie wird in den kommenden Monaten die im Stadtteil Heuberg liegenden Gebäude Ginsterweg 1-3 zurückbauen. Die Häuser mit insgesamt 18 Wohnungen und 1341 m² Wohnfläche wurden 1966-67 errichtet. Ausgewählt wurde die Zeile, weil ihr baulicher Zustand eine Aufwertung mit marktgerechten Mietkosten nicht zuließ. Für ein bedarfsorientiertes Angebot hätten beispielsweise die Grundrisse vieler Wohnungen verändert werden müssen. So wurden die Gebäude nach und nach leergezogen, der Rückbau kann in den nächsten Monaten beginnen.

Unterstützung von Stadt und Land
Diesen in Hessen bisher einmaligen Vorgang hat die Unternehmensgruppe mit Unterstützung durch die Kreisstadt Eschwege und das Land Hessen vorbereitet. Beispielsweise wird der Rückbau durch das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ gefördert.
Die Maßnahme trägt der Tatsache Rechnung, dass die Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur (z. B. höheres Durchschnittsalter, niedrige Geburtenzahlen, Abwanderung) sich bereits jetzt in der Region und besonders am Eschweger Heuberg bemerkbar machen. So musste die Kreisstadt seit 2001 einen durchschnittlichen jährlichen Verlust von 170 Einwohnern hinnehmen, die Zahl der Bewohner sank von 2001 bis 2007 von 21.758 auf 20.474. Für das Jahr 2020 wird im Stadtumbaukonzept prognostiziert, dass Eschwege nur mehr 18.250 Einwohner hat. Ebenfalls dem Stadtumbaukonzept lässt sich entnehmen, dass im Jahr 2007 bereits 500 Wohnungen als entbehrlich angesehen werden konnten, im Jahr 2020 könnten es sogar 2.000 Wohneinheiten werden.

Solche Leerstände können nicht mehr allein durch Verbesserungen der Wohnqualität, des Umfeldes oder durch Preisgestaltung aufgefangen werden. Die Entscheidung zum Rückbau einer Häuserzeile mit relativ niedrigem Bau- und Ausstattungsstandard ist deshalb für die Unternehmensgruppe eine Möglichkeit, Angebot und Bedarf nachhaltig anzupassen: „Wir stellen uns dem demographischen Wandel auch durch Maßnahmen, die in den alten Bundesländern noch ungewöhnlich sind“, unterstreicht Projektleiter Dipl.-Ing. Klaus Schotte die Bereitschaft des Unternehmens, gefestigte Denkmuster zu verlassen.
Der Leiter der Kasseler Wohnstadt-Geschäftsstelle, Jürgen Bluhm, ergänzt: „Wir sind dem Heuberg seit Jahrzehnten eng verbunden, was sich unter anderem in der aktiven Beteiligung an diversen Gestaltungsprozessen zeigt. Durch den Rückbau ändert sich dies keineswegs, die Maßnahme ist vielmehr Ausdruck unseres fortbestehenden Interesses an der Zukunft des Heubergs.“


Nachfolgende Gestaltung
Ist der Rückbau abgeschlossen, was noch im Verlauf des Sommers der Fall sein soll, wird die Fläche ab dem Herbst neu gestaltet. Dabei sollen die Anwohner des Quartiers Ginster- und Fliederweg eingebunden werden: Mit einer Informationsveranstaltung am 19.06. unmittelbar auf dem betroffenen Gelände bekommen sie die Gelegenheit, Wünsche und Vorschläge zu äußern. Diese werden nach Möglichkeit in die Planungen der Wohnstadt einbezogen. Fest steht allerdings schon jetzt, dass der Abriss keine unästhetische Lücke im Quartier reißt. Die Gestaltung des Areals wird vielmehr eine spürbare Aufwertung bedeuten.

Die Wohnstadt in Eschwege
Die Wohnstadt verfügt in Eschwege über einen Bestand von 893 Wohnungen, fast 500 davon befinden sich im Quartier Heuberg. Die Siedlung wurde überwiegend in den 1950er und 1960er Jahren errichtet. Sie gilt als modellhaftes Beispiel für die „Wohnsiedlung im Grünen“.